Von Herr der Ringe zu PoC
Ich liebe die Herr-der-Ringe-Verfilmung.
Nachdem ich zuletzt mit meinen Freunden die Trilogie in der Extended Version rewatched habe, ist meine Liebe nur noch mehr gewachsen. Nach all den Jahren hat dieses Werk nichts von seiner Intensität eingebüßt. Wieso? Meiner Meinung spürt man die Liebe für den Stoff dahinter. Und zwar von allen Beteiligten. Diese haben sich nicht, wie oft, darum bemüht, aus den Büchern eine möglichst komprimierte Zusammenfassung herauszupressen, die sich schlussendlich wie ein Wikipedia-Artikel liest. Nein, sie sind die Bücher als Liebhaber angegangen, und haben sich die kleinen Momente und Szenen herausgepickt, die einem ans Herz gehen. Jene Stellen, Augenaufschläge, Sätze, die das wahre Herz der Bücher ausmachen.
Meine Freunde und ich saßen also alle ganz rührselig; als plötzlich die Haradrim das erste Mal auftauchen.
http://youtube.com/watch?v=yLgiWTsgJUk
Ich schlucke und ächze ein wenig. Nebenan meine Freundin Olivia: “Ja, das ist schon hart – die ersten Personen mit dunklerem Hautton, und die marschieren auf Elefanten als Saurons Gefolge ein.” Sie hat genau gesagt, was ich gefühlt habe. Es war wirklich ätzend. Seien wir ehrlich – für fünfzehn Jahren, als wir die Filme als Teenager angesehen haben, wäre uns das nie aufgefallen. Da wir in einem sehr homogenen, vorstädtischen Umfeld groß geworden sind, und Filme die längste Zeit homogen, weiß und amerikanisch waren, suhlt man sich in seiner eigenen Gewohnheit. Aber mittlerweile haben wir uns verändert.
Es ist eine Sache, wenn ein Film eigentlich nur weiße (und ein paar grüne und blaue orkische) Darsteller hat. Das ist auch schon ein bisschen öde. Aber dann die einzigen PoC (People of Colour) als böse Partie einreiten zu lassen, die sich neben Orks und Piraten (die übrigens auch nur mit zusammengekniffenen Augen als sonnenverwöhnte Südeuropäer durchgehen) gegen den Rest der Menschheit stellen – das ist hart.
Wieso ist das niemandem aufgefallen? Ich stelle mir einen Raum mit einem großen Tisch und grauen Sesseln, einem Beamer und einer altbackenen Powerpoint-Präsentation vor. An der Tafel saßen unzählige Nerds mit zerwuschelten Haar, angeführt von Peter Jackson, der verzweifelt versucht, die Präsentation auf die nächste Seite zu drücken. Sie kommen zu den Haradrim, der Designer stellt seine Skizzen vor, die Elefanten mit den vielen Stoßzähnen lösen Begeisterung aus. Wo war die Person in der hintersten Reihe, die schüchtern den Finger hob und piepste: “Entschuldigung! Das ist aber irgendwie eigenartig? Ich fühle mich nicht damit wohl, dass die ersten PoC, die hier auftauchen, Saurons grausame Unterstützer sind und zudem auch exotisiert werden?”
Ich weiß natürlich nicht, wie es wirklich war. Vielleicht gab es diese Person, aber ich schätze viel eher, dass da hauptsächlich nur weiße Mitarbeiter saßen. Und falls jemand Einwände gegen die Darstellung der Haradrim vorzuweisen hatte, wurde er mit dem klassischen “Aber die Vorlage …!” abgeschmettert.
DAS-IST-KEINE-AUSREDE.
Vielleicht schrieb es Tolkien damals so. Möglicherweise war Tolkien ein Rassist, wie es ihm häufiger vorgeworfen wird. Auf diesen Punkt will ich in diesem Moment gar nicht eingehen, denn ja, man kann Dinge auch in einem zeitlichen Kontext sehen; und zu Tolkiens Lebzeiten war es ziemlich sicher bequem, sich in gewissen Einstellungen bestätigt zu fühlen. ABER – und hier kommt das große Aber: Die Verfilmung stammt NICHT aus den frühen 1930ern.
Jede Adapation – eine Verfilmung, eine Serie, ein Comic – ist ein eigenständiges Werk, das in einen neuen zeitlichen Kontext gesetzt werden kann und muss.
Ja, muss! Keira Knightley spielte eine wesentlich emanzipiertere, rebellischere Elizabeth (Stolz & Vorurteil 2005) als noch ihre Vorgängerinnen bzw die Textvorlage. Dennoch büßte die Verfilmung nichts am alten Flair ein. Oder die Superman-Verfilmungen aus den 90ern? Wer würde denn bitteschön die Brille als Ganzkörperverkleidung oder Terry Hatcher als ständig entführte Lois Lane heute noch akzeptieren? Es jetzt wieder zu sehen, macht Spaß, man kann sich darauf einlassen, darüber lachen. Die selben Klischees noch einmal in einer Neuverfilmung tun einfach nur weh.
Im Fall von “Herr der Ringe” wäre es mir tatsächlich lieber gewesen, sie hätten sogar bei den Haradrim Whitewashing betrieben.
Ehrlich, Hitler auf einem Elefanten in der letzten Schlacht hätte mir weniger Bauchweh gemacht als die exotisch dargestellten, vermummten Sauronbegleiter, die ‘zufällig’ noch PoC waren.
Mein Freund Christian Handel (Autor von u.a. Rosen und Knochen, Rowan & Ash), der sich sehr für die Darstellung von LGTBQ-Charakteren in Büchern ein. Er hat mir einen guten Tipp gegeben, als ich ihn einmal fragte, ob ich einen schwulen Charakter auch böse sein lassen könnte. Er sagte ungefähr:
Das Problem ist nicht, dass homosexuelle Charaktere nicht böse sein können. Sondern, dass, wenn nur ein homosexueller Charakter in einem Buch oder Film vorkommt, so wie es momentan meist der Fall ist, er als Repräsentant für alle anderen Homosexuellen steht. Wenn es ein, zwei andere Charaktere gibt, die ein anderes Bild von Homosexualität zeichnen, ist das kein Problem.
Dasselbe gilt für PoC. Wären z.B. (jetzt frei heraus) die Reiter von Rohan ebenfalls PoC gewesen, hätte es mir vermutlich beim Anblick der Haradrim nicht ganz so den Magen ausgehebelt. Ähnlich wie wenn man z.B. barbarische (weiße) Wikinger einem vermeintlich zivilisierten (weißem) Mitteleuropäischen Volk entgegen stellt. Etwas anderes wäre es, wenn diese nur von zivilisierten Babyloniern, Konstantinoplern etc umringt sind, während sie mordend und vergewaltigend durch die Lande ziehen. Würde das nicht auch jeden Weißen stören?
Und was können wir daraus lernen?
Es liegt nicht nur in unserer Verantwortung, uns immer wieder an der Nase zu nehmen, und über solche Dinge nachzudenken, sondern diese auch in unsere Kunst einfließen zu lassen.
I’m far from perfect. Aber ich gebe mir Mühe, versuche immer wieder, über solche Dinge nachzudenken, und aus meiner Gewohnheit auszubrechen. Es ist wichtig, sich aktiv mit solchen Themen auseinanderzusetzen, damit neue Repräsentationsmuster in Film, Literatur, Computerspiele & Co. einhalten können. If you can see it, you can be it, sage ich immer, wenn ich über Frauenrechte und Repräsentation von Frauen in Medien spreche. Dasselbe gilt natürlich für Sexualität und Ethnie.
Genauso wichtig ist es, dass solche Bücher natürlich Aufmerksamkeit erhalten und gelesen werden. Man könnte meinen, Fantasy wäre ein besonders aufgeschlossenes Genre, aber oftmals ist eher das Gegenteil der Fall.
Noch heute, fast 100 Jahre nach Herr der Ringe, ist es oftmals bequemer, sich auf alten Vorlagen abzustützen. Und wie Nora Bendzko (Autorin “Die Götter müssen sterben) in ihren letzten Beiträgen schrieb: Ihr könnt euch vorstellen, dass es Orks und Elfen gibt, aber keine PoC in einem Fantasybuch? Vermeintlich Geschichtstreue ist dabei fehl am Platz, vor allem, wenn man sich noch nie mit diesem Aspekt der weißgewaschenen Historie Europas auseinandergesetzt hat. Und weil es Fantasy ist, damned. Du kannst hier tun, was du willst. Du musst es nur wollen.
In diesem Sinne, viel Kreativität beim Schreiben und Lesen,
Katharina
* Dieser Artikel ist als Reaktion auf Nora Bendzkos Twitter-Beitrag entstanden. Diesen findet ihr -> HIER